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ist eine um aktuelle Informationen und Links erweiterte Fassung meines Buch-Beitrags. Ich freue mich sehr, hin und wieder tatsächlich Feedback zu erhalten und arbeite Kritik und Hinweise (z.B. LInk-Änderungen) fortlaufend ein.

Nicola.Doering@tu-ilmenau.de

Erste Fassung: 7. August 1998 - Letztes Update: 29. Oktober 2000

Die besten
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Sexuelle Hilfe im Internet

© 1998-2000 Nicola Döring

 

Döring, N. (1998). Sexuelle Hilfe im Internet.

 

In L. Janssen (Hrsg.), Auf der Virtuellen Couch - Selbsthilfe, Beratung und Therapie im Internet.

 

Bonn: Psychiatrie-Verlag.

 

 

 

 


Sowohl im Fließtext als auch in den verlinkten Seiten geht es explizit um sexualbezogene Themen. Sie entscheiden selbst, ob Sie jetzt weiterlesen und welche der angegebenen Links Sie jeweils verfolgen wollen. Die Inhalte der verlinkten Seiten sind aus der Kommentierung im Fließtext zu erschließen.


0    Einleitung

1    Sexualbezogene Unterhaltung und Information

1.1    Unterhaltungsangebote
1.2    Informationsangebote
1.3    Beratungsangebote

2    Sexualbezogene Diskussion und Unterstützung

2.1    Mainstream-Gruppen
2.2    Selbsthilfegruppen
2.3    Marginalisierte Gruppen

3    Ausblick

4    Fußnoten

5    Literatur


 

0    Einleitung

Dass das Internet im sexuellen Bereich vor allem Perversen und Kriminellen als Plattform dient und massenhaft Kinderpornografie darbietet – dieses Vorurteil ist dank skandalisierender Medienberichte weit verbreitet (*1). Dass öffentliche Computernetze zwar zu antisozialen Zwecken missbrauchbar sind, aber in erster Linie sozialverträglich eingesetzt werden und vielen Menschen gerade auf sexuellem Gebiet unschätzbare Hilfe leisten – diese Tatsache ist in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt (vgl. Döring, 1998). Das Netz bietet uns allen die Chance, sexualbezogene Unterhaltungs- (1.1), Informations- (1.2) und Beratungsangebote (1.3) zu nutzen und/oder selbst zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus haben wir im Netz Gelegenheit, uns in thematisch ausdifferenzierten Gruppen mit dem sexuellen Mainstream (2.1), mit Selbsthilfe (2.2) sowie mit marginalisierten Begehrensformen (2.3) zu befassen.

Es bleibt uns überlassen, diese Optionen bei Bedarf individuell fruchtbar zu machen. Denn von selbst entfaltet das Internet ja keinerlei Wirkungen: Wenn sich unsere Netznutzung auf berufliche WWW-Recherchen und formale Email-Kontakte beschränkt, bleibt sie sexuell weitgehend bedeutungslos. Wenn sie die Teilnahme an sexualbezogenen Diskussionsforen und die emotionale Öffnung gegenüber anderen Menschen im Netz beinhaltet, kann sie dagegen auf unser erotisch-sexuelles Erleben und Verhalten beträchtlichen Einfluss ausüben. Ob sich dieser Einfluss letztlich als konstruktiv oder destruktiv erweist, hängt von diversen Kontextfaktoren ab und lässt sich nicht deterministisch auf die Merkmale oder Inhalte des Mediums zurückführen. So ist es im Zuge bestimmter Nutzungsmuster durchaus möglich, dass sich sexuelle Probleme verstärken oder erst entwickeln (z.B. sexuelle Verunsicherung, Realitätsflucht, Suchtverhalten). Bei der Mehrheit der aktiv Beteiligten sind jedoch positive Konsequenzen festzustellen wie etwa Zugewinn an Lebensfreude, Abbau von Unsicherheiten und Vorurteilen, Verbesserung der Selbstakzeptanz, Lernen neuer sozialer Fertigkeiten, Bewältigung sexueller Einschränkungen und Störungen.

Der vorliegende Beitrag konzentriert sich bei der Analyse sexualbezogener Netzaktivitäten nicht auf einzelne Störungsbilder oder Problemgruppen, sondern nimmt unsere gesamte sexuelle Kultur mit in den Blick. Denn schließlich sind es unsere durch Tabuisierung und Normierung geprägten kollektiven Umgangsweisen mit dem Sexuellen, die erst zur Genese vieler sexueller Beeinträchtigungen führen. Wenn Sexualitäten und Lebensweisen marginalisiert werden, ist das nicht einfach nur ein soziologisches Phänomen, sondern unmittelbare Ursache klinisch relevanter Probleme bei den Betroffenen (z.B. soziale Isolation, Depressivität, Suizidalität). Wenn im Internet verstärkt auch Mädchen und Frauen ihr Begehren offensiv artikulieren (z.B. in sexuellen Darstellungen, Diskussionsbeiträgen oder privaten Interaktionen), dann geht es dabei nicht einfach nur um den neuesten computervermittelten "Kick", sondern um soziale Erfahrungsmöglichkeiten, die sich positiv auf sexuelles Selbstvertrauen auswirken und ein Verlassen der traditionell weiblichen Objekt- bzw. Opfer-Rolle begünstigen können. Wenn sexuelle Hilfe nur als Handreichung für Menschen mit akuten Schwierigkeiten verstanden wird und nicht unser aller Verhältnis zur Sexualität miteinbezieht, greift sie zu kurz.

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1     Sexualbezogene Unterhaltung und Information

Es gibt einen enormen Bedarf an sexualbezogener Unterhaltung (1.1), Information (1.2) und Beratung (1.3), der im Netz besonders gut abgedeckt werden kann, weil hier Zugangsbarrieren entfallen und ein sehr facettenreiches Angebot zur Verfügung steht. Einen Sexshop zu betreten, in der Buchhandlung oder Bibliothek nach einschlägiger Literatur zu fragen oder eine Sexualberatungsstelle aufzusuchen - das ist nicht nur mit Aufwand, sondern auch mit Stigmatisierung (oder zumindest der Furcht vor ihr) verbunden. Im Netz dagegen sind entsprechende Angebote bequem von zu Hause aus zugreifbar. Sie können rund um die Uhr anonym genutzt und unauaffällig auf der Festplatte gelagert werden. Außenstehende sind dabei gar nicht involviert. Diese Bedingungen erlauben es mehr Menschen, sich aktiv und öffentlich an sexueller Kultur zu beteiligen.

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1.1    Unterhaltungsangebote

Der größte Teil unseres sexuellen Erlebens spielt sich in der Phantasie ab. Sexuelle Phantasien stellen sich im Alltag oft unwillkürlich ein, aber nicht selten greifen wir auch ganz bewusst auf bestimmte Bilder, Geschichten oder Filme zurück, um unserer Phantasie Nahrung zu geben. Umgekehrt verspüren wir manchmal den Wunsch, der eigenen sexuellen Vorstellungswelt in selbstproduzierten Darstellungen Ausdruck zu verleihen. Das Internet kommt diesen Bedürfnissen entgegen: Komfortabel, diskret und vergleichsweise kostengünstig können wir erotische und pornografische Darstellungen aus dem Netz abrufen und/oder selbst im Netz publizieren und verbreiten. Auch sexualbezogener Humor in Form von Witzen, Comics, Satire usw. fehlt nicht (z.B. The Future of Kissing: http://www.thekiss.com/) . Sexuelle Darstellungen sind im Netz nicht ghettoisiert, aber sie drängen sich in der Regel trotzdem nicht auf. Das Teilen, Tauschen, Kommentieren und Empfehlen von Erotika und Pornografie im Netz konstituiert eine kommunikative Rezeptionspraxis, die außerhalb des Netzes weitgehend fehlt. Wenn im Netzkontext in spezifischer Weise deutlich wird, dass man mit dem eigenen Interesse an expliziten Darstellungen nicht alleine dasteht, kann das von Schuld- und Schamgefühlen entlasten, die Selbstakzeptanz und damit auch die Kommunikationsfähigkeit verbessern. Indem die breite Öffentlichkeit jedoch daran festhält, explizite Darstellungen zum sogennanten "Schmuddelkram" abzuqualifizieren oder sie gar pauschal mit Kriminalität und Sexismus gleichzusetzen, verhindert sie eine glaubwürdige Verständigung über jene Aspekte unserer sexuellen Wirklichkeiten, die kontrovers und zwiespältig sind und gerade deswegen eine besonders differenzierte Betrachtung verdienen.

Am Beispiel Online-Pornografie wird deutlich, wie stark Netzalltag und öffentliche Internet-Darstellung auseinanderklaffen: Als 1994 an der Carnegie Mellon University (http://www.cmu.edu/) die Universitätsleitung eine ganze Reihe sexualbezogener Newsgroups wegen ihrer angeblich frauenfeindlichen Inhalte gesperrt hatte, traten Feministinnen für deren Erhalt ein. Sie forderten freien Zugriff auf uneingeschränkt alle sexuellen Netzinhalte mit der Begründung, manche von ihnen würden sich umfassend informieren wollen, um ggf. Kritik zu äußern, und manche würden einfach gerne weiterhin die Newsgroup <alt.sex.stories> genießen, in der auch Frauen publizieren (Riley, 1996, S. 166; s. auch Feminists for Free Expression: http://www.well.com/user/freedom/speakers.html). Die Produktion und Verbreitung von erotischen und pornografischen Darstellungen, die sich an Frauen und ihre sexuellen Interessen richten, ist bislang hauptsächlich aus Ökonomiegründen (es fehlt ein großes kaufkräftiges Publikum) erschwert, die im Netz entfallen. Dementsprechend sind hier kommerzielle Angebote von und für Frauen und Mädchen (z.B. Online-Ausschnitte der Papier-Zeitschriften On Our Backs  http://www.gfriends.com/onourbacks/ oder BUST http://www.bust.com/, die sich beide augenzwinkernd an abenteuerlustige, verwegene "bad girls" wenden) ebenso vertreten wie nicht-kommerzielle Eigenproduktionen. Zu den nicht-kommerziellen Angeboten gehören Online-Zeitschriften, die neben anderen Themen auch Sex, Erotik und Liebe aus Sicht von Frauen und Mädchen behandeln (für einen Überblick über die ausgesprochen lebendige weibliche Online-Zeitschriftenkultur jenseits der traditionellen "Frauenzeitschrift" siehe Estronet: http://www.estronet.com/). Es gibt aber auch Publikationen privater Fotos (z.B. Romana Machado: http://www.fqa.com/romana/; Lizz Sommerfield: http://www.sexychyck.com/) und/oder selbstgeschriebener erotischer Geschichten und Comics.

In den von Frauen und Mädchen geschriebenen Slash-Geschichten durchleben die männlichen Helden bekannter Fernsehserien wie X-Files, Star Trek oder Highlander romantische und sexuelle Abenteuer miteinander - und nicht mit Frauen (für   Story-Archive siehe http://www.io.com/~wwwomen/sexuality/stories.html). Slash-Geschichten werden in den Magazinen der Fankultur abgedruckt, erscheinen aber zunehmend auch in Mailinglisten (Clerc, 1996) und auf WWW-Sites (z.B. Archiv mit Slash-Geschichten zur Serie X-Files: http://www.slash.simplenet.com/). In den insbesondere in Japan von Frauen und Mädchen produzierten und rezipierten yaoi-Comics ist den jugendlichen Helden nach kämpferischen Auseinandersetzungen üblicherweise ein gemeinsamer Liebesakt (boyXboy love) gegönnt. "yaoi" ist eine selbstironische Genrebezeichnung und  steht für yama-nashi (ohne Klimax), ochi-nashi (ohne Pointe) und  imi-nashi (ohne Bedeutung). yaoi-Comics sind ebenfalls im Netz gut vertreten (für ein Bilder-Archiv siehe http://www.crosswinds.net/singapore/~bengawa/Yaoi-manga.htm; yaoi-Webring: http://members.tripod.com/honeydrop/boys.html). Obwohl "lesbische Szenen" zum selbstverständlichen Repertoire von Porno-Filmen gehören, die für ein heterosexuelles männliches Publikum produziert werden, wird das Interesse von Frauen und Mädchen an schwulen Darstellungen  immer wieder als im Grunde nicht wirklich sexuell oder gar  "post-sexuell" (Grassmuck,1993) gedeutet. Web by Women for Women (http://www.io.com/~wwwomen/ ) präsentiert frauenbezogene Informations- und Unterhaltungsangebote (u.a. zum Thema Sexualität: http://www.io.com/~wwwomen/sexuality/index.html ) - selbiges tun Erotica for straight women (http://womenserotica.miningco.com/)   und Lesbian Erotica http://lesbianerotica.miningco.com/- diskutiert wird jeweils auch die Bedrohung eben dieser Inhalte durch Zensurmaßnahmen. Es mehren sich allgemein die dezidiert feministischen Cyberporno-Projekte (siehe Huffman & Jahrmann, 1997).

Ist es sexistisch, wenn Anja - deren persönliche Homepage (http://www.anjalysholm.dk/) gegen das "Jante Law" protestiert - eine kommentierte Liste mit  Fotos derjenigen (prominenten) Männer ins Netz stellt, die sie besonders sexy findet (Anja's Attractive Men Page: http://www.anjalysholm.dk/men.htm; siehe auch den von Frauen gegründeten Sexy Males Weg Ring: http://www.geocities.com/Paris/Metro/1424/)? Und darf auch das weibliche Auge genießerisch abschweifen zum reichhaltigen Bildmaterial, das männerliebende Zeitgenossen im Netz zusammenstellen? Da Bilder-Archive wie Men on the Net (http://www.menonthenet.com/) farbenprächtig demonstrieren, wie gut sich doch Männer als Objekte unserer Begierde eignen, wundert es nicht, dass z.B. die Frauenzeitschrift Amica (http://www.amica.de/) in ihrer "Sex & Sünde"-Rubrik interessierte Leserinnen auf diese Quelle aufmerksam macht. Web by Women for Women (http://www.io.com/~wwwomen/ ) empfiehlt dagegen Turkish Oil Wrestling: "Yes, sweaty, slender, beautiful men covered in oil! Go see! :-)" : http://www.grecco.com/

Gleichzeitig wird in Teilen des feministischen Diskurses weiterhin Wert darauf gelegt, dass nur "erotische" Darstellungen akzeptabel sind, weil  "pornografische" Darstellungen als Ausdruck und Instrument der Frauen- und Menschenverachtung zu verstehen und somit abzulehnen seien. So gibt  die Redaktion von Come Out! (http://www.welcome.to/comeout/) potentiellen Beiträgerinnen von Erfahrungs-Berichten eine klare Instruktion (Hervorhebung im Original):

Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem Lesbischsein schon gehabt? Mit dem Coming Out? Als Lesbe in unserer
Gesellschaft? Möchtet Ihr davon berichten? Dann ist hier Euer Platz!

Auf Wunsch könnt Ihr auch unter Pseudonym veröffentlichen, wenn ihr der Redaktion, die natürlich keine
Namen Adressen usw. weitergibt, Euren richtigen Namen mitteilt.

Erotisch ist gut, Pornographisch NICHT!

Abgesehen davon, dass es natürlich vollkommen legitim ist, das Spektrum der auf einer Web-Site publizierten Beiträge inhaltlich  und/oder formal zu beschränken, stellt sich hier erneut die vieldiskutierte (und noch immer nicht klar beantwortete) Frage, woran denn im konkreten Fall zu erkennen ist, ob eine explizite sexuelle Darstellung entwürdigend, menschen- oder frauenverachtend  "ist" oder einfach mit Gesten und Ausdrucksformen operiert, die auf einen Teil des Publikums abstoßend wirken, von einem anderen Teil des Publikums aber (zumindest teilweise) anregend empfunden werden. Dass hierbei die Interpretations-Diskrepanzen eben nicht stereotyp entlang der Geschlechtergrenzen verlaufen, illustriert gerade das obige Beispiel: Offensichtlich müssen Autorinnen von Redakteurinnen ausdrücklich davor gewarnt werden, pornografische Texte einzureichen (die zu schreiben, ihnen offensichtlich zuzutrauen ist).  Die Lesben-Site Dyxploitation (http://www.dyxploitation.nu/) zeigt mit ihrer Agenda, wie breit das Spektrum ist (http://www.dyxploitation.nu/smut.html, Hervorhebung im Original):

Here you are invited to send smut stories and they will be posted. It's just that simple. They can be true or made up. They can be hot or romantic or completely retarded. They can be about anyone. No editing, no "if we like it," it just gets posted. [...] anything goes.

Nerve (http://www.nerve.com/, deutschsprachige Ausgabe: http://www.nerve.de/ ) ist ein kostenloses Magazin im WWW, das beiden Geschlechtern mit Fotos und Geschichten Vergnügen bereiten, aber auch in diversen Essays Denkanstöße vermitteln willl. Herausgeberin Genevieve Field und Herausgeber Rufus Griscom haben es sich zur Aufgabe gemacht, "Literate Smut" (sinngemäß: "schöngeistigen Schweinkram") zu verbreiten. Sie erläutern ihr Konzept folgendermaßen:

We have created Nerve because we think sex is beautiful and absurd, remarkably fun and reliably trauma-inducing. In short, it is a subject in need of a fearless, intelligent forum for both genders. We believe that women (men too, but especially women) have waited long enough for a smart, honest magazine on sex, with cuntsure (and cocksure) prose and fiction as well as striking photographs of naked people that capture more than their flesh. Nerve intends to be more graphic, forthright, and topical than "erotica",  but less blockheadedly masculine than "pornography".

Erotische und pornografische Unterhaltungsangebote  im Netz konfrontieren die Interessierten freilich nicht nur mit neuen Optionen, sondern auch mit neuen Risiken (z.B. betrügerische kommerzielle Netzangebote, unwissentliches Hinterlassen von Datenspuren, Datenschutzverletzungen, polizeiliche Überwachung). Kommerzielle Sex-Anbieter sind im Netz normalerweise nicht so gern gesehen, da sie zum Teil eine sehr aggressive Werbung betreiben (massenhaftes Verschicken von Emails und Postings, sog. Spamming) und es zudem immer wieder darauf anlegen, Menschen mit falschen Versprechungen, irreführenden Stichworten oder trügerischen Netzadressen auf ihre Sites zu locken (*2). Durch solche Methoden wird selbstbestimmtes Rezipieren bzw. Nicht-Rezipieren sexueller Angebote im Netz verhindert und eine ungewollte Konfrontation mit dem Material provoziert. Es sollte im Internet Pflicht sein, sexualbezogene (und auch andere kontroverse Inhalte) erst nach einer warnenden Vorankündigung zugänglich zu machen. Zudem können sich gerade auch der Vorteil des erleichterten Zugriffs und die große Materialfülle unter bestimmten Bedingungen nachteilig auswirken: Die Tätigkeiten des Suchens und Sammelns üben auf einige Menschen starke Anziehungskraft aus. Die Jagd nach immer neuen Darstellungen, ihre Begutachtung und Archivierung steht plötzlich an erster Stelle, drängt andere Interessen zurück und gefährdet schließlich sogar die Alltagsbewältigung. Selbsthilfegruppen sprechen von Pornografie-Sucht als einer Variante von Sexsucht (Dana E. Putnam: http://www.onlinesexaddict.com/). Nicht zuletzt stellt der Abbau von Rezeptions- und Partizipationshürden auch neue Anforderungen an einen einvernehmlichen Umgang mit dem Material, sei es am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen oder im häuslichen Umfeld.

Die Gefahr, in dysfunktionale Nutzungsstile hineinzugeraten sollte ebensowenig negiert werden wie die Chance, hilfreiche und sozialverträgliche Nutzungsmuster zu entwickeln und dadurch eine zusätzliche Quelle von Inspiration, Stimulation und Selbstversicherung zu finden.

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1.2    Informationsangebote

Herausgegeben und betreut werden sexualbezogene Informationsmaterialien im WWW von ganz unterschiedlichen Instanzen: Einzelpersonen betätigen sich hier ebenso als Content Provider wie wissenschaftliche Einrichtungen, Behörden, Vereine, gemeinnützige Initiativen und kommerzielle Unternehmen. Von besonderer Relevanz sind die freien Publikationsbedingungen im Netz für sexuelle Spezialkulturen, die in der Mainstream-Perspektive oft unterschlagen oder nur ausschnitthaft und verzerrt repräsentiert werden. Im Netz haben sexuelle Spezialkulturen durch die Quantität und Qualität ihrer ganz unverbindlich zu besuchenden Web-Sites bereits eine bemerkenswerte Sichtbarkeit erreicht: Wenn sich Lesbengruppen (http://www.lesbian.org/) oder feministische Hurenprojekte (Deutschland: http://www.lustgarten.de/rat/; Prostitutes Education Network PENnet: http://www.bayswan.org/) im Netz engagieren (*5), dann sind damit Wirkungen nach außen (z.B. Abbau von Vorurteilen und Unwissenheit) sowie nach innen (z.B. Unterstützung und Vernetzung der Beteiligten) zugleich intendiert. Für schwul-lesbische WWW-Angebote gibt es eigene Web-Portale wie etwa eurogay.net (http://eurogay.net/search/).  Ehrenamtlich betreute Netzangebote sind oft viel aufwendiger gestaltet als die Web-Präsenzen von Behörden oder anderen offiziell finanzierten Stellen, die ihre Netzaktivitäten wohl teilweise nur als Pflichtübung begreifen oder für die Umsetzung ihrer Webprojekte sehr viel Zeit benötigen. So bot die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (http://www.bzga.de/) auf ihren WWW-Seiten unter der Rubrik "Sexualaufklärung und Familienplanung" bis 1998 lediglich ein kurzes Stichwort-Lexikon für Jugendliche, das Begriffe wie "Knutschen", "Scheide" oder "gay" erläutert; demgegenüber offeriert das von medizinischen Fachleuten ehrenamtlich betreute Mental Health Net (http://mentalhelp.net/) schon lange eine der wohl umfassendsten Sammlungen thematisch sortierter Gesundheitsinformationen im Netz. Reichhaltige Online-Informationsangebote lassen sich kaum im Alleingang erstellen und pflegen, weshalb kollaborative Projekte hier besonders einschlägig sind, etwa wenn es darum geht, sexualbezogene Lexika zu erstellen: Papiertiger - Enzyklopädie des Sadomasochismus (http://www.datenschlag.org/papiertiger/) oder English Slang - The Alternative English Dictionary  (http://www.notam.uio.no/~hcholm/altlang/ht/English.html) sind Beispiele. Nicht nur für Akademiker/innen  von Interesse sind die Web-Angebote von sexualwissenschaftlichen Instituten wie etwa dem traditionsreichen Kinsey Institute for Research in Sex, Gender, and Reproduction an der Universität Indiana (http://www.indiana.edu/~kinsey/) oder dem 1995 gegründeten Institut für Schwullesbische Studien an der Universität Bremen (http://alf.zfn.uni-bremen.de/~sls/). Da separate Informations-Angebote für unterschiedliche sexuelle "Neigungen" oder "Orientierungen" die Gefahr bergen, neue Abgrenzungen zu schaffen und diffuses Begehren zu vereindeutigen und zu fixieren, sind gerade auch solche Netzangebote von Interesse, die ein breites Spektrum an Interessen und Lebensstilen vereinen (z.B. AltSex: http://www.altsex.org/).

Die Online-Angebote von überregionalen Einrichtungen wie der Deutschen AIDS-Hilfe (http://www.aidshilfe.de/) oder von ProFamilia (http://www.profa.de/) leben von ihren unterschiedlichen lokalen Initiativen. So hat etwa die AIDS-Hilfe Kaiserslautern (http://www.kaiserslautern.de/shg/aids/) ein WWW-Angebot zusammengestellt, das Adressenlisten und Hinweise zum Kondomgebrauch ebenso enthält wie amtliche Statistiken und Selbsthilfetexte zu emotionalen Fragen. Natürlich sind auch die einschlägigen kommerziellen Versandhäuser und Verlage im Netz dabei; allerdings bieten die wenigsten fundierte Hintergrundinformationen an, wie es der bekannte feministische Sexshop Good Vibrations in San Francisco tut (http://www.goodvibes.com/). Er war übrigens auch jahrelang der Arbeitsplatz von Susie Bright (http://www.susiebright.com/) und Carol Queen (Homepage in Vorbereitung:  http://www.carolqueen.com/), die neben Betty Dodson (http://www.bettydodson.com/), Nancy Friday (http://www.nancyfriday.com/), Lisa Palac (http://www.lisapalac.com/) und Pat Califia (http://www.patcalifia.com/)  zu unseren wichtigsten "Sexpertinnen"  gehören. Alle Genannten nutzen das WWW nicht zur als Werbefläche für ihre vielfältigen Publikationen, sondern liefern jeweils auch genuine Informationsangebote im Netz.

Um von sexualbezogenen (wie auch von anderen) Informationsangeboten im Netz wirklich zu profitieren, ist es notwendig, besondere Fertigkeiten im Umgang mit Suchmaschinen sowie in der Selektion und Bewertung von Online-Informationen zu erwerben – zudem erweitern Englischkenntnisse die Menge der nutzbaren Beiträge erheblich. (Automatische Übersetzungshilfen tragen zusätzlich zum Abbau von Sprachbarrieren bei.)  Besonders wichtig beim Umgang mit sexualbezogenen Online-Informationen ist eine genaue Prüfung der Glaubwürdigkeit und Fachkenntnis der Quelle. Während man etwa davon ausgehen kann, dass auf den offiziellen WWW-Seiten der AIDS-Hilfen medizinisch korrekte Informationen über Infektionswege und Präventionsmaßnahmen weitergegeben werden, kann eine Privatperson (gewollt oder ungewollt) sachlich falsche Hinweise verbreiten – ggf. mit beträchtlichem Schaden für diejenigen, die sie ungeprüft glauben. Im Netz sind alle Beteiligten ermächtigt, ohne jegliche redaktionelle Kontrolle (jedoch innerhalb juristischer Grenzen) frei zu publizieren und sich darzustellen (zur Selbstdarstellung im Netz siehe Eichenberg, 1998). Das schafft eine unglaublich lebendige und differenzierte Informationslandschaft, die wir jedoch nicht leichtgläubig, sondern mit kritischer Aufmerksamkeit durchwandern müssen. Um gerade bei gesundheitsrelevanten Online-Informationen eine Qualitätssicherung zu gewährleisten, sollen in Zukunft die jeweiligen wissenschaftlichen Fachgesellschaften hochwertige und seriöse Angebote durch Gütesiegel kennzeichnen. Ein solches Verfahren könnte beispielsweise darin bestehen, die fachliche Qualifikation der  hinter einer Web Site stehenden Personen durch Vorlage entsprechender Dokumente zu verifizieren. Noch existiert jedoch kein konkretes und einheitliches Konzept für eine derartige Zertifizierung.

Was bislang fehlt ist zudem eine fundierte Auseinandersetzung mit dem sexualbezogenen Informationsbedarf von Kindern und Jugendlichen im Kontext der Internet-Nutzung. In dem Bestreben, Heranwachsende vor "ungeeignetem Material" zu schützen und nur "sicheres Surfen" zuzulassen, werden im Namen des Jugendschutzes in der Regel sämtliche sexualbezogenen Inhalte herausgefiltert. Mittlerweile haben sich internet-kundige Mädchen und Jungen bereits gegen undifferenzierte Schutzmaßnahmen durch Filter-Software wie NetNanny  (http://www.netnanny.com/) oder CYBERsitter ( http://www.cybersitter.com/ ) organisiert, um ihr Recht auf  Teilnahme am Diskurs zu verteidigen (z.B. Anti-Zensur-Projekt Peacefire (http://www.peacefire.org/). Peacefire bietet unter anderem den sehr aufschlussreichen Service Blocked Site of the Day (http://www.peacefire.org/BSOTD/) an, der veranschaulicht, welche Informationsangebote und Diskussionsforen all denjenigen vorenthalten werden, die unter dem "Schutz" von Filter-Software stehen. Yahooligans! (http://www.yahooligans.com/ ) ist eine auf die Altergruppe der 7- bis 12-jährigen zugeschnittene Version der Suchmaschine Yahoo! (http://www.yahoo.com/), in der keinerlei Stichworte aus den Bereichen Liebe oder Sexualität vorkommen. Netzangebote mit sexualerzieherischer Ausrichtung fallen offensichtlich den von Yahooligans!  zugrunde gelegten (eher intuitiv anmutenden) Auswahlkriterien zum Opfer (http://www.yahooligans.com/docs/info/methodology.html):

What makes it in to Yahooligans!, you might ask? There's a whole bunch of reasons why you might find a site here. Yahooligans! sites are cool, goofy, fascinating, fun, hysterical, philosophical, surprising, sedate, silly, seismic, popular, obscure, useful and, ummmm.... interesting. For whatever reason.

What gets plopped onto the REJECT list? Sites that are sleazy, slimy, snarly, paranoid, hateful, hideous, harmful, pornographic or prejudiced. We don't like 'em. And neither do Yahooligans!.

Dabei scheinen bei den  sexualerzieherischen Netzbeiträgen für Teenager bislang sogar diejenigen zu überwiegen, die mit Motti wie "True love waits", "I'm Worth Waiting For", "Pet your dog not your date", "Saying No To Sex Is Happiness For Teens" oder "Don't Be Dips, Stop At The Lips" für Abstinenz vor der Ehe werben und somit die monogame, heterosexuelle, eheliche Paarbeziehung als einziges Lebensmodell zulassen (z.B. Teenadvice on Sex: http://www.teenadvice.org/dating/sex.html; Choosing the Best http://choosingthebest.home.mindspring.com/; Sex Respect: http://www.lochrie.com/sexrespect/, die 1993 in den USA ins Leben gerufene True Love Waits Campaign: http://www.truelovewaits.com/). Die True Love Waits  Kampagne kommt aus den USA, wo sich 1993 in Tulip Grove, Tennesee, 59 Jugendliche der Südlichen Baptisten (mit rund 15 Mio Mitgliedern die größte protestantische Kirche der USA) zu diesem Bekenntnis zusammenschlossen und die Verpflichtungskarten unterschrieben. 1996 wurde die "True Love Waits"-Bewegung durch ein Team um Michael Müller als "Wahre Liebe Wartet" (WLW) in Deutschland gegründet (WLW-Seiten: http://welcome.to/wlw). Die Mitglieder der Aktion unterschreiben folgendes Bekenntnis: "Mit meiner Unterschrift erkläre ich folgendes: "Durch die Gnade Gottes verpflichte ich mich ab heute vor Gott, mir selbst, meiner Familie, meinen Freunden und meinem zukünftigen Ehepartner, bis zum Tag meiner Heirat sexuell rein zu bleiben."

Sogenannte "sex-positive" Stimmen bestreiten nicht, dass es wünschenswert sein kann, sich gegen Formen gelebter Sexualität zu entscheiden, sie verteidigen aber vor allem das Recht, sich auch für sexuelle Aktivitäten jenseits ehelichen Beischlafs entscheiden zu dürfen - und in dieser Entscheidung respektiert zu werden. Auch wenn abstinzenz-orientierte Stimmen zu recht auf die starke Sexualisierung in medialen Darstellungen und auf einen entsprechenden Gruppendruck unter Jugendlichen hinweisen, heisst dies nicht, dass äußere und innere Verbote im sexuellen Alltag bereits weitgehend abgeschafft wären. So ist beispielsweise Selbstbefriedigung für Mädchen und Jungen nach wie vor oft eine von Schuld- und Schamgefühlen belastete Form der Sexualität. Ein sex-positives Online-Informationssystem für Kinder und Jugendliche ist z.B. All About Sex (http://www.allaboutsex.org/) von Randal Blackburn (http://home1.gte.net/blckburn/).  

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1.3    Beratungsangebote

Beratungsdienste im Netz, die anonymen Kontakt per Email ermöglichen, ersetzen nicht herkömmliche Beratungsangebote, sondern ergänzen sie. Auch Personen, die außerhalb des Netzes keine Beratungsstelle aufsuchen würden, können im Netz niederschwellig professionelle Hilfe finden (z.B bei der Telefonseelsorge : http://www.telefonseelsorge.de/index1.html), was entweder ausreichend ist oder im zweiten Schritt den Übergang zu telefonischen und/oder persönlichen Beratungsgesprächen erleichtert  (siehe Christl, 1998). Für deutschsprachige Jugendliche stehen im Internet beispielsweise der Sexualberatungsdienst von FemWien (http://www2.telecom.at/femwien/jugend.htm) sowie Sextra! von ProFamilia (http://www.profa.de/sextra.htm, s. Schöppe, 1998) zur Verfügung. Neben den Beratungsangeboten von psychosozialen Einrichtungen engagieren sich auch die Kirchen zunehmend  mit Online-Seelsorge im Netz, wobei hier Probleme in den Bereichen Liebe, Sexualität und Partnerschaft unter christlicher Perspektive behandelt werden (z.B. Katholisches Jungendamt Erftkreis: http://www.kja.de/online-seelsorge/).

Der wohl bekannteste Online-Beratungsdienst ist Go Ask Alice!, der an der Columbia University vom Institut für Gesundheitserziehung betrieben wird (http://www.goaskalice.columbia.edu/). Hier kann man anonym per Email Fragen zu Liebe, Sexualität und Partnerschaft (aber auch zu Drogen und Ernährung) stellen, die von einem Team von Fachleuten der Universität binnen kürzester Zeit differenziert, kompetent und ohne sexualmoralische Wertung beantwortet werden. Bei Go Ask Alice! finden alle Fragen samt der zugehörigen Antworten (die eben das Kummerkasten-Niveau von Illustrierten deutlich übertreffen) Eingang in ein WWW-Archiv (http://www.goaskalice.columbia.edu/Cat6.html). Eine solche Datenbank ist nicht nur informativ, sondern auch emotional entlastend: Sie macht deutlich, dass andere Menschen sich mit genau denselben – mehr oder minder gewöhnlichen oder außergewöhnlichen – sexuellen Fragen herumschlagen, die uns selbst quälen. Eine weitere recht umfangreiche Datenbank mit Fragen und Antworten findet sich im Sexuality Forum (http://www.askisadora.com/) der Sexologin Isadora Alman. All About Sex (http://www.allaboutsex.org/) bietet eine umfangreiche Datenbank mit sexualbezogenen Fragen, Antworten und Kommentaren von und für Kinder und Jugendliche (Kids speak out: http://www.allaboutsex.org/kidsspeakout_menu1.html).

Die Erfahrung zeigt, dass solche kostenlosen, professionell betreuten Sexualberatungs-Dienste von Jugendlichen und Erwachsenen intensiv genutzt werden und die knappen Personalkapazitäten schnell erschöpfen. Gerade im Überlastungsfall oder in Urlaubszeiten ist es bei Online-Beratungsdiensten aus ethischen Gründen essentiell, die Ratsuchenden auf die Verzögerung hinzuweisen und sie nicht einer bangen Wartezeit auszusetzen. Denn in Online-Kontakten ist es vor allem die rasche Reaktion des Gegenübers, die Verbundenheit manifestiert, während unerwartete Kommunikationspausen leicht dazu führen, dass man sich alleingelassen, unwichtig oder abgelehnt fühlt. In erster Linie unterhaltungsorientiert sind kostenlose Beratungs-Angebote à la "Ask Dr. Love", wie man sie auf einigen kommerziellen Sites findet. Wenn niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten Email-Beratung im Netz anbieten, dann haben sie dagegen den Selbstanspruch, wissenschaftlich fundiert vorzugehen und verlangen auch entsprechendes Honorar für die Konsultation. Es entwickelt sich hier ein Psycho- und Gesundheits-Markt im Netz, der es Ratsuchenden besonders schwermacht, die Seriosität der offerierten Dienstleistungen einzuschätzen: Würden Sie sich einer  "persönlichen andrologischen Email-Beratung" anvertrauen, wenn der Berater über seine Person lediglich  mitteilt "Ich habe einige [nicht genannte] Jahre die Andrologische Poliklinik einer [namentlich nicht genannten] Universitätsklinik geleitet." (Heribert Schorn: http://www.andrologie.de/ )? (*3)  Als Orientierungshilfen könnten auf dem Sektor der Email-Beratung in Zukunft auch Gütesiegel fungieren. Zudem sind aussagekräftige Angaben zu den Qualifikationen und aktuellen Tätigkeiten von Online-Beraterinnen und Beratern hilfreich.

Die Betonung von Qualitätssicherung ist jedoch nicht so zu verstehen, dass Netzaktivitäten von Laien weniger "wert" oder gar illegitim wären. Gerade in emotionalen Fragen kann die einfühlsame und wohlwollende Zuwendung von aufgeschlossenen Mitmenschen sehr hilfreich sein, ohne dass eine spezielle Fachausbildung dahinter stehen muss. So wird der gut frequentierte Beratungsdienst Doc Love (http://www.doclove.de/) seit 1996 ehrenamtlich von zwei jungen Männern betrieben, die mit den ratsuchenden Jugendlichen und Erwachsenen einfach ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen teilen. Das Doc-Love-Team hat sich selbst auf schnelles Antworten verpflichtet, weist immer wieder auf externe Unterstützungsangebote hin, stellt Bezüge zu eigenen Erlebnissen her und verwaltet ein WWW-Archiv mit sämtlichen Fragen und Antworten. Damit macht das Doc-Love-Team, das selbst anonym bleiben möchte, seine Beratungstätigkeit dennoch transparent. Inhaltlich geht es oft um Ängste und Enttäuschungen bei der Partnersuche, um Beziehungskonflikte und Liebeskummer, um die praktische Seite sexueller Kontakte (z.B. wie lässt sich eine Erektion verlängern), aber auch und vor allem um ihre emotionale Bedeutung  (z.B. wie lässt sich erkennen, ob es sich bei den aktuellen Verliebtheitsgefühlen primär um sexuelles Verlangen handelt oder ob echte Liebe im Spiel ist?).

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2    Sexualbezogene Diskussion und Unterstützung

Obwohl im Erotischen und Sexuellen die eindrucksvollsten Erfahrungen von zwischenmenschlicher Nähe möglich sind, fühlen wir uns in kaum einem Lebensbereich so oft alleingelassen und von der Außenwelt abgeschnitten wie in unseren Sexualitäten. Es ist verblüffend, wie nachhaltig diese Isolationserfahrung das Leben in unserer Kultur prägt. Wir halten furchtsam und beschämt daran fest, über Sex zu schweigen – oft auch dann, wenn wir scheinbar über Sexualität sprechen. Die öffentlichen und privaten Äußerungen, in denen wir uns sowohl mit den lust- wie auch mit den verzweiflungsvollen Aspekten unserer Begierden wirklich wiedererkennen, sind so selten, dass wir sie überrascht - und meist sehr dankbar -  zur Kenntnis nehmen. Sexualbezogene Netzforen (d.h. Mailinglisten, Newsgroups, Chat-Channels) bieten die Chance, Anteil zu nehmen an dem informellen Erfahrungs- und Meinungsaustausch anderer Menschen. Da Netzforen und ihre Beiträge im Pull-Prinzip genutzt werden, d.h. jeweils ein hochselektives, bewusstes Abrufen erfordern, sind Außenstehende vor einer ungewollten Konfrontation mit dem Diskurs weitestgehend geschützt und können sich unbehelligt anderen Themen zuwenden. (Push-Medien wie z.B. das Fernsehen bergen demgegenüber viel stärker die Gefahr, dass man versehentlich in eine sexualbezogene Sendung hineinschaltet, die man eigentlich gar nicht zu sehen wünscht.)

In schriftlichen Diskussionsforen fehlen Sicht- bzw. Blickkontakt, zudem besteht die Möglichkeit, den eigenen Namen durch ein Pseudonym zu ersetzen. Dadurch werden Schamschwellen und Ängste reduziert, die den Austausch über sexuelle Themen sowie die sexuelle Annäherung sonst oft erschweren. Anonymität hat somit nicht nur entfremdende Wirkung, sondern kann auch die Voraussetzung für die Preisgabe persönlicher und intimer Informationen sein. Netzforen bieten in unserer Gesellschaft erstmals eine Vielfalt sozialer Räume, in denen wir uns verhältnismäßig risikolos und offen mit zahlreichen anderen Menschen über sexuelle Themen verständigen können. Interessierten steht es dabei frei, in unterschiedlicher Weise zu partizipieren: Sie können gelegentlich oder regelmäßig die Beiträge ausgewählter Gruppen studieren, ohne selbst in Erscheinung treten zu müssen. Sie können aber auch aktiv werden, selbst Artikel schreiben, andere Mitglieder per Email, Telefon oder Briefpost kontaktieren, gemeinsame Treffen außerhalb des Netzes organisieren, sich an der Lösung netztechnischer Probleme beteiligen und durch ihre Präsenz die Kommunikationskultur des jeweiligen Forums wesentlich mitbestimmen. Für diese engagierten Mitglieder hat das Netzforum dann den Charakter einer (virtuellen) Gemeinschaft, in der sie persönlich bekannt sind, Ansehen und Einfluss genießen, Bekanntschaften, Freundschaften und Liebschaften pflegen. Hier zeigt sich, dass nicht das Medium aufgrund seiner Merkmale deterministisch bestimmte Wirkungen erzeugt, sondern dass der individuelle Nutzungsstil ausschlaggebend dafür ist, welche Gratifikationen sich gewinnen lassen.

Zielgruppenspezifisch sind grob drei Arten von nicht-wissenschaftlichen sexualbezogenen Netzforen zu unterscheiden:

  • Thematisch relativ offene Mainstream-Gruppen, die sich alltäglichen Sorgen und Fragen im Zusammenhang mit Erotik und Sexualität widmen und deren Teilnehmerkreis nicht eingeschränkt ist (2.1).
  • Dezidierte Selbsthilfegruppen, die sich auf ein konkretes sexuelles Problem bzw. Krankheitsbild konzentrieren und in der Regel nur Betroffenen vorbehalten sind (2.2).
  • Marginalisierte Gruppen, in denen Begehrensformen und Lebensweisen zur Sprache kommen, die in der breiten Öffentlichkeit weniger anerkannt oder gar massiv diskriminiert werden, weil sie von der in unserer abendländisch-christlichen Kultur tradierten Norm der monogamen heterosexuellen Paarbeziehung mit regulärem Geschlechtsverkehr in der einen oder anderen Weise abweichen (2.3).

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2.1    Mainstream-Gruppen

"Ich bin 27 und habe noch nie mit jemandem geschlafen, obwohl ich eigentlich gar nicht so schlecht aussehe." " Ich möchte gerne mal zu dritt Sex haben, gibt es dazu Erfahrungswerte?"  "Ich bin seit vier Jahren glücklich verheiratet, habe aber gar keine Lust mehr auf Sex, ist das normal?"  "Ich schaue mir in letzter Zeit sehr oft Pornos an, kann ich dadurch abgestumpft werden?"  "Ich bin in zwei Menschen gleichzeitig verliebt, was soll ich tun?"  Es ist leicht, sich über Sorgen dieser Art lustig zu machen – und die aktuelle Diskussion um sog. "Schmuddel-Talkshows" (mit Themen wie "Hilfe, ich bin noch Jungfrau" oder "Ich will endlich wilden Sex") manifestiert und reproduziert ja auch die Norm, dass es nicht angebracht ist, sich öffentlich und offen über individuelle Zugänge zur Sexualität zu äußern (siehe z.B. Berliner Morgenpost http://www.berliner-morgenpost.de/ vom 22.5.98 oder vom 5.6.98) . Sprechverbote verlangen, dass Erotik und Sexualität nur kursorisch und abstrakt, nicht jedoch konkret und detailliert besprochen werden und dass zudem ein möglichst neutrales Vokabular zu wählen ist. Wer sich etwa anschaulich und begeistert dazu äußert, was nass oder hart macht, wird in den meisten sozialen Kontexten bzw. Öffentlichkeiten deutlich sanktioniert: "Sowas" ist geschmacklos, gefühllos, primitiv, würdelos, exhibitionistisch und nicht zuletzt jugendgefährdend. Bestenfalls werden explizite Äußerungen mit Kichern und/oder Schweigen quittiert. Dies gilt übrigens auch für Talkshows, die keineswegs der sexuellen Freizügigkeit das Wort reden, sondern sich im Gegenteil als moralische Instanzen etabliert haben, in denen sexuelle Geständnisse vom Studiopublikum und von den Mitgästen nicht etwa mit Beifall, sondern mit – mehr oder minder psychologisierter – Entrüstung aufgenommen werden. Und in der Politik? "Masturbation: it's not a four-letter word, but the president fired me for saying it.", berichtet M. Joycelyn Elders, Professorin für Kinderheilkunde und Endokrinologie an der University of Arkansas for Medical Sciences (UAMS:  http://www.uams.edu/). Joycelyn Elders  wurde 1994  nach einjähriger Amtszeit als Gesundheitsministerin der USA (Surgeon General of the United States) zum Rücktritt gezwungen, weil sie auf einer Veranstaltung zum Welt-Aids-Tag Masturbation als eine sichere und lustvolle Form der menschlichen Sexualität gewürdigt hatte (Elders & Kilgore, 1998).

Zwar wird heute floskelhaft überall gesagt "in der Sexualität ist alles o.k., was die Beteiligten im gegenseitigen Einvernehmen tun", im konkreten Anwendungsfall ist von dieser nominellen Akzeptanz und Würdigung sexueller Vielfalt dann jedoch meist wenig zu spüren. Das fängt bei der weitgehenden Kontrolle dessen an, was wie über Sexualität gesagt werden darf oder eben tunlichst umschrieben bzw. verschwiegen werden muss. Eine Kultur der Differenzen, die Raum lässt für uneingeschränkt alle Zugänge zur einvernehmlichen Sexualität und uns lehrt, die Irritationen auszuhalten und konstruktiv zu nutzen, die bei der Konfrontation mit dem unvertrauten, allzuvertrauten oder gänzlich unverständlichen Begehren anderer Menschen entstehen – eine solche sexuelle Kultur muss erst entwickelt werden.

Erste Ansätze für eine Kultur der erotisch-sexuellen Differenzen sind im Netz zu finden: Seit Jahren gut etabliert sind im deutschsprachigen Raum beispielsweise die thematisch weitgefassten Mainstream-Newgroups <de.talk.liebesakt> (früher: <de.talk.sex>, sie ist allen Fragen der menschlichen Sexualität gewidmet) und <de.talk.romance> (sie behandelt Liebesbeziehungen und Verliebtheit; Homepage: http://www.romance.org/dtr/). <soc.sexuality.general> ist das englischsprachige Pendant zu <de.talk.liebesakt>. Ein fester Kern von engagierten Mitgliedern sorgt in diesen Gruppen für Kontinuität, und alle aktiv Schreibenden üben soziale Kontrolle auf den Kommunikationsverlauf aus, indem sie bestimmte Artikel ausführlich beantworten, andere ignorieren und wieder andere mit Kritik und Widerspruch aufnehmen. Es ist den langjährigen Mitgliedern der Gruppen zu verdanken, dass sich eine Kommunikationskultur entfalten konnte, die überwiegend von wohlwollender Anteilnahme und Respekt vor der Vielfalt sexueller Begehrensformen, Lebensmodelle und Sprachstile geprägt ist. Der Mainstream erscheint hier also nicht mehr als "one best way", sondern als Pluralität all jener Liebes- und Lebensweisen, die in der Bevölkerung nun einmal vorkommen. Da es sich bei vielen sexualbezogenen Newsgroups um unmoderierte Foren handelt, sind die publizierten Diskussionsbeiträge von ausgesprochen heterogener inhaltlicher und sprachlicher Qualität: Elaborierte sexualtheoretische Reflexionen stehen neben originellen Alltagsbeobachtungen, provozierende oder humorige Bemerkungen neben ernstgemeinten Anfragen und emotionalen Hilferufen. Selektives Rezipieren ist hier die Methode der Wahl und liegt in der eigenen Verantwortung.

Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass sexualbezogene Netzforen fast ausschließlich von Männern genutzt werden, die in einer so drastischen Weise über Sex kommunizieren, dass Frauen abgeschreckt und ausgegrenzt werden. Dieser populäre Sexismus-Vorwurf bleibt selbst im Sexismus befangen, denn er gesteht Frauen nicht zu, selbst Interesse an einem expliziten Austausch zu haben und negiert die rege Beteiligung von Frauen und Mädchen an sexueller Kultur im Netz. Welche Atmosphäre in einem konkreten Netzforum herrscht, hängt von den gerade aktiven Mitgliedern und vom aktuell verhandelten Thema ab (vgl. Bruckman, 1996). Da in vielen sexualbezogenen Foren Frauen zu den aktivsten und angesehensten Mitgliedern gehören, ist sichergestellt, dass (tatsächlich oder vermeintlich) frauenfeindliche Äußerungen nicht unwidersprochen bleiben. Allerdings ist ein defensives Reagieren auf negativ empfundene Äußerungen von Männern gar nicht die Hauptbeschäftigung der Nutzerinnen. Vielmehr kommt in Netzforen eine offensive Haltung stärker zum Tragen: Frauen und Mädchen artikulieren ihre vielfältigen und teilweise vollkommen konträren Vorstellungen und Einstellungen zur Sexualität, ohne sich dabei auf eine sogenannte "weibliche Sexualität" festlegen zu lassen, wie sie ("ganzheitlich, liebevoll, beziehungsorientiert") klischeehaft oft der sogenannten "männlichen Sexualität" ("genitalfixiert, aggressiv, egozentrisch") gegenübergestellt wird. Dabei bilden die vielfältigen Perspektiven weder ein harmonisches Ganzes, noch stellen sie ein beliebiges Nebeneinander dar – vielmehr ringen sie hartnäckig miteinander um einen verständnisorientierten Umgang mit Differenzwahrnehmungen.

Bei allen Anstrengungen, die unternommen werden, um Kindern und Jugendlichen eine (möglicherweise unangenehm empfundene oder nachteilig sich auswirkende) Konfrontation mit Pornografie oder anderen sexuellen Beiträgen im Internet zu ersparen, ist vollkommen aus dem Blick geraten, welche Sorgen und Nöte Heranwachsende in ihrer sexuellen Entwicklung wirklich plagen: Es mangelt ihnen an konkreten sexualbezogenen Informationen, an Vorbildern, an Ermutigung und Trost. Im Netz könnten sie sich gerade in sexualbezogenen Diskussionsforen einiges hiervon beschaffen – vorausgesetzt man würde ihnen freien Netzzugang gewähren und sie beim Erwerb von Netzkompetenz unterstützen. Was Jugendliche sexuell interessiert, wie sie selbst die (tatsächliche oder mögliche) Konfrontation mit bestimmten sexualbezogenen Beiträgen beurteilen, wie sie Rezeptionsentscheidungen treffen und welche Unterstützungsformen sie sich wünschen – all dies wird bezeichnenderweise kaum thematisiert. Dass in Elternhaus und Schule so viele sexuelle Fragen nicht nur unbeantwortet, sondern schier unaussprechlich bleiben, trägt zur Entwicklung sexueller Störungen bei und erschwert mit der Produktion von Unsicherheit, Furcht und Scham einvernehmliches Handeln. Es sind nur wenige privilegierte Jugendliche, die Zugang zu Netzforen haben und sich dort mit ihren ureigensten sexuellen Belangen unverblümt an Erwachsene wenden sowie deren Verständigungsversuche beobachten können.

Anekdotischen Berichten ist zu entnehmen, dass Menschen im Zuge der Teilnahme an sexualbezogenen Netzforen zu mehr Zuversicht und Selbstakzeptanz finden, ihren Horizont erweitern, die Sexualitäten anderer Menschen besser verstehen und es lernen, ihre eigenen sexuellen Vorlieben und Grenzen klarer zu artikulieren – all dies sind wesentliche Voraussetzungen sexuellen Wohlbefindens und konsensuellen Handelns. Bei der Horizonterweiterung geht es keineswegs nur um das Kennenlernen exotischer Varianten des Sexualausdrucks, sondern auch (und gerade) um eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten im Alltag, in dem oft diverse Hemmnisse schon die einfachsten Formen des Sexualausdrucks verhindern. So ist für Jugendliche und Erwachsene, die unter Akne leiden, der ohnehin durch Körperscham belastete Bereich Sexualität besonders mühsam erschließbar - zumal die diesbezüglichen Nöte eben kaum öffentlich besprochen werden. Das Online-Forum Aknetherapie (http://www.aknetherapie.de/) nimmt sich entsprechender Fragen jedoch an.  Trotz ihrer wertvollen Gratifikationen dürfen Netzforen natürlich auch nicht idealisiert werden. Sich vertrauensvoll in sexuellen Angelegenheiten an ein Netzforum zu wenden, beschert nicht nur ermutigende, tröstliche und solidarische Reaktionen, sondern zuweilen auch sehr verständnislose, abwertende und feindselige. Mit Frauen und Männern in Kontakt zu treten, die offensiv mit ihrem Begehren umgehen, kann ungemein inspirierend und erhellend sein, es kann aber auch Gefühle von Bedrohung, Neid, Ekel oder Versagen wachrufen oder schlicht Langeweile und diffusen Widerwillen erzeugen. Ob und wie wir an einzelnen sexualbezogenen Netzforen teilnehmen oder uns auf erotisch-sexuelle Beziehungen im Netz einlassen, ist also in Abhängigkeit von den eigenen Bedürfnissen und Befindlichkeiten jeweils ganz individuell und situativ zu entscheiden.

Wenn Menschen sich in einer Mailingliste, Newsgroup, einem Chat-Channel oder MUD (Multi-User Domain: interaktive Mehrpersonenspiel im Netz) erstmals begegnen, bilden sie sich auf der Basis der wenigen verfügbaren Informationen einen Eindruck voneinander und streben bei wechselseitiger Sympathie engere Kontakte an. Auch wenn sich die Beteiligten noch nie persönlich begegnet sind, entwickelt sich im Zuge dieser textvermittelten Kontakte oft eine für Außenstehende kaum nachvollziehbare Intimität und Verbundenheit. Die sichere Distanz und das ungestörte Schreiben beim Mailen, Chatten oder Mudden begünstigen es, persönliche Themen anzusprechen, einen vertraulichen Ton anzuschlagen und sich emotional zu öffnen. Reagiert die andere Person entgegenkommend, so kann sie leicht unser Herz gewinnen. Über einen interessanten und unterstützenden Erfahrungsaustausch hinaus entstehen schnell Begehren und Verliebtheit (s. für Erfahrungsberichte Casimir & Harrison, 1996; Farke, 1998). Auch wenn wir uns vielleicht kein fotografisches Bild vom Gegenüber machen, so beschwört doch der angenehme Kommunikationsverlauf ein inneres Sehnsuchtsbild herauf: Die andere Person wird zur Projektionsfläche unserer emotionalen und eben auch erotisch-sexuellen Wünsche - und manchmal wird sie auch zum Sexualpartner.

Bei sexuellen Interaktionen im Netz (Netsex) werden sämtliche Aktionen und Reaktionen durch zeitgleiches Tippen auf der Tastatur ausgedrückt und sinnlich erlebbar, indem man sich aktiv in die Situation hineinversetzt und Phantasiebilder erzeugt (s. McRae, 1996; Turkle, 1995, S. 223ff.). Da sexuelle Kontakte und Beziehungen im Netz so leicht in der Lage sind, unsere vom Alltag oft verschütteten Träume und Utopien zu mobilisieren, sind sie besonders enttäuschungsanfällig, andererseits aber auch inspirierend und hilfreich, um Bilanz zu ziehen und die eigene Handlungskompetenz zu verbessern. So sind beim Netsex etwa physische Risiken körperlicher Kopräsenz wie z.B. HIV-Infektion, ungewollte Schwangerschaften oder Übergriffe ausgeschlossen, was insbesondere Mädchen und Frauen entlastet. Im Netz genügt ein Tastendruck, um unliebsame Kontaktversuche zu beenden oder die Situation zu verlassen. Es fällt leichter, sich unbefangen sexuellen Kontakten zuzuwenden und offensiv mit dem eigenen Verlangen umzugehen - nicht nur die legendären "testosteronsatten Teenager" wissen das zu schätzen. Sexualbezogene Kontaktforen im Netz erleichtern die Partnersuche, was einerseits zu positiven Erlebnissen verhelfen kann, andererseits aber auch mit negativen Phänomenen wie Zurückweisung, Langeweile, Frustration oder gar Belästigung einhergeht. Wieder liegt es an den Beteiligten, durch ihre technischen und sozialen Fertigkeiten angenehme Interaktionsbedingungen zu schaffen. Erotische und sexuelle Beziehungen entwickeln sich vornehmlich in Netzforen, die persönlichen Themen gewidmet sind oder dezidiert der Kontaktsuche dienen, sie entstehen jedoch (mehr oder minder unvermutet) auch in anderen Kontexten wie etwa in berufsbezogenen Mailinglisten oder hobbybezogenen Newsgroups.

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2.2    Selbsthilfegruppen

Das Netz bietet eine optimale Infrastruktur für Selbsthilfegruppen (vgl. Döring, 1997a): Online-Selbsthilfegruppen konstituieren sich ortsunabhängig und sind durchgängig erreichbar; sie bieten somit auch denjenigen eine Anlaufstelle, die geografisch isoliert leben und/oder zeitlich sehr unflexibel sind. Online-Selbsthilfegruppen ermöglichen nicht nur ein unverbindliches, sondern sogar ein völlig unbemerktes Hineinschnuppern für Neulinge und sichern gleichzeitig den eingesessenen Mitgliedern einen zuverlässigen Austausch. Sexualbezogene Selbsthilfegruppen im Netz befassen sich mit umschriebenen Problemen wie z.B. Unfruchtbarkeit, Sexsucht, Transsexualität/Transidentität, Elternschaft bei Lesben und Schwulen, sexueller Traumatisierung, Menopause oder Herpes. Online-Selbsthilfegruppen können Newsgroups ohne jegliche Teilnahmekontrolle sein (z.B. <de.alt.soc.transgendered>), häufiger sind es aber (offene oder geschlossene) Mailinglisten, die eine geschütztere Atmosphäre bieten, weil der Mitgliederkreis bekannt und eingrenzbar ist (Einblick in die Beiträge einer Selbsthilfe-Mailingliste zur Transsexualität gewährt King, 1995). Neben dem zeitversetzten Austausch per Mailingliste oder Newsgroup greifen viele Online-Selbsthilfegruppen auch auf zeitgleiche Netzforen (Chat-Channels) zurück. So finden Betroffene in der ausgesprochenen warmherzigen Newsgroup <alt.abuse.recovery> seit vielen Jahren Gelegenheit, ihre traumatischen Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in eigenen Artikeln offen anzusprechen und sich gegenseitig bei der Bewältigung der vielfältigen (u.a. sexuellen) Folgen beizustehen. Das Lesen und Schreiben der Artikel erfolgt zu selbstgewählten Zeitpunkten. Versammeln sich die Betroffenen jedoch auf dem der Newsgroup zugeordneten Chat-Channel #aar, so nehmen sie alle im selben Augenblick an den Channel-Ereignissen teil und reagieren spontan aufeinander – Verbundenheit, Nähe und Zuneigung werden dadurch sehr viel deutlicher spürbar.

Da die Öffentlichkeit sexuelle Grenzverletzungen und sexuelle Gewalt in jüngster Zeit endlich aufmerksamer und sensibler behandelt, werden die Selbsthilfe-Bestrebungen von Betroffenen im allgemeinen sehr zustimmend aufgenommen. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass Selbsthilfe nur eine Ergänzung der bislang unzureichenden professionellen Beratungs- und Betreuungs-Infrastruktur darstellt. Der Auf- und Ausbau professioneller Versorgungsnetzwerke für Betroffene und Überlebende sexueller Gewalt ist deshalb dringend zu fordern.

Auf große Skepsis und Ablehnung stoßen fast alle Selbsthilfe-Bestrebungen und Betreuungs-Wünsche von Menschen, deren Sexualitäten gesellschaftlich stark marginalisiert bzw. kriminalisiert sind. So löst die Information, daß Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz im Internet Selbsthilfegruppen bilden, in der Regel massive Abwehr aus: Nutzen "Pädophile" unter dem Deckmäntelchen der Selbsthilfe hier nicht das Netz, um Kinderpornos auszutauschen oder sonstige kriminelle Handlungen zu begehen? Muss man solche Machenschaften nicht sofort unterbinden? Da sich die polemische Gleichung "Pädophiler = Kinderschänder" und auch die skurrile Wendung "Pädophilie ist in Deutschland verboten"  in der Öffentlichkeit stark verbreitet haben, werden Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz in der Regel pauschal diffamiert. Bei solchen Äußerungen bleibt unberücksichtigt, daß a) keine einzige Form des erlebten Begehrens verboten ist oder verboten werden kann und b) ein gravierender Unterschied besteht zwischen dem subjektiven Erleben einerseits und dem - sozialen und ethischen Regeln unterworfenen - interpersonalen Handeln andererseits. Der pauschale Vorwurf des skrupellosen Kinderschändens verhindert eine ehrliche Auseinandersetzung mit pädophilem Begehren und wirkt daher aus der Perspektive der Gewalt-Prävention eher kontraproduktiv. Sich pädophiles Begehren einzugestehen, Selbstzweifel und Ängste zu thematisieren, gemeinsam mit anderen verantwortungsvolle und sozialverträgliche Bewältigungsformen und Lebensweisen zu entwickeln, bei Bedarf  Hinweise über Therapiemöglichkeiten auszutauschen - all dies wären Ziele einer entsprechenden Selbsthilfegruppe bzw. eines Gesprächskreises. Während aufgrund der hochgradigen Stigmatisierung persönliche Treffen einer Pädophilie-Selbsthilfegruppe praktisch nur äußerst schwer realisierbar sind (Informationen über Treffpunkte müssen in geradezu konspirativer Form über Postfach-Adressen eingeholt werden), bieten anonyme Netzforen sofort die Chance, sich offen und konstruktiv mit heiklem Begehren zu befassen. So ist  Baumstark-Online (http://www.baumstark-online.de) ein pädophilie-bezogenes christliches Seelsorge- und Selbsthilfe-Angebot (*4).

Wer gezielt eine Online-Selbsthilfegruppe zu einem bestimmten Thema sucht, kann entweder auf die großen Mailinglisten-Archive zurückgreifen und dort Suchstichworte eingeben oder sich auf thematisch passenden Informationsseiten im WWW umschauen, die meist ausgewählte Mailinglisten nennen (z.B. findet man frauenspezifische Selbsthilfe-Mailinglisten über WWWomen: http://www.wwwomen.com/). Selbsthilfegruppen, die nach dem 12-Schritte-Programm vorgehen, sind mit Informationsangeboten, eigenen Mailinglisten und Chat-Channels im Netz gut vertreten; neben diversen anderen Süchten geht es dabei auch um sog. Sexsucht (Sex Addicts Anonymous: http://www.sexaa.org/). Angesichts der großartigen Betroffenen-Initiativen im Netz lohnt sich eine geduldige Recherche allemal. Denn die Wahrscheinlichkeit, eine dem eigenen Problem oder Krankheitsbild gewidmete Online-Selbsthilfegruppe zu finden, ist recht hoch (speziell wenn Englischkenntnisse vorhanden sind). Mit viel Engagement lässt sich natürlich auch eine neue Gruppe ins Leben rufen, sei es durch die Eröffnung einer Mailingliste, die Gründung einer Newsgroup, den Aufbau einer Web-Site, das Aufmachen eines Chat-Channels oder die Entwicklung eines MUD. Allerdings sollte man eine solche Initiative nicht mit überhöhten Erwartungen angehen. Es dauert erfahrungsgemäß mehrere Monate (wenn nicht Jahre), bis sich eine kritische Masse an Personen zusammengefunden hat, genügend substantielle Beiträge eingehen und die einzelnen Mitglieder sich auch untereinander kontaktieren und besser kennenlernen. Häufig sind es einige wenige Stamm-Mitglieder, die durch ihr Engagement einer Online-Selbsthilfegruppe Struktur und Kontinuität verleihen (vgl. Winni, 1998). Will man die eigenen Erfahrungen mit einer bestimmten Problematik anderen mitteilen und ihnen auch eine Anlauf- und Kontaktstelle im Netz bieten, so leisten WWW-Seiten gute Dienste (s. z.B. Selbsthilfe für vergewaltigte Frauen im WWW: http://www.Gegenwehr.de/; vgl. für Selbsthilfe bei Depression und Suizidalität  Jaeger, 1998)

Bei großem Leidensdruck wird allein die Teilnahme an einer Online-Selbsthilfegruppe in der Regel nicht genügend Unterstützung bieten. Hier sollte man sich also in der Gruppe nach weiteren Hilfsangeboten erkundigen. Häufig kann eine Online-Selbsthilfegruppe beträchtliche Expertise in der Hinsicht zusammentragen, welche medizinischen und/oder psychosozialen Hilfsangebote außerhalb des Netzes zur Verfügung stehen, welche Vor- und Nachteile sie haben und wie sie finanzierbar sind. Umgekehrt sollten auch Beratungsstellen außerhalb des Netzes dazu übergehen, ihren Klientinnen und Klienten Tips an die Hand zu geben, wie und wo sie im Netz Informationsangebote und Selbsthilfegruppen finden. Nicht zuletzt sind Fachleute aus den verschiedenen Gebieten der Psychologie, Soziologie, Sozialarbeit und Medizin gefragt, wenn es darum geht, sexualbezogene Online-Selbsthilfegruppen im Einvernehmen mit den Beteiligten zu betreuen und zu begleiten. Oftmals beteiligen sich im Gegenzug auch interessierte Laien und Betroffene an wissenschaftlichen Foren wie etwa den Newsgroups <de.sci.psychologie> oder <de.sci.medizin.psychiatrie> (s. Kestler, 1998).

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2.3    Marginalisierte Gruppen

Wenn wir bereits aus der offiziellen Mainstream-Sexualität (monogame heterosexuelle Zweierbeziehung mit regulärem Geschlechtsverkehr) ein Geheimnis machen, so sind alternative Sexualitäten und Lebensweisen – selbst für diejenigen, die sich zugehörig fühlen oder teilnehmen (möchten) – noch viel fragenumwobener. Marginalisierte Formen sexueller Betätigung werden wegen ihres Exoten-Charakters in den Massenmedien (insbesondere in Talkshows und Reportagen) zunehmend vorgeführt, wobei die Medien tendenziell eine quotensteigernde Dramatisierung anstreben (z.B. professionelle Dominas treten im Outfit auf und bieten eine kleine Vorführung ihrer Praktiken), während es den politisch engagierten Angehörigen der Spezialkulturen in ihrer defensiven strategischen Selbstdarstellung eher darum geht, den Eindruck von Problemlosigkeit und unspektakulärer Normalität zu erzeugen, um dadurch der verbreiteten Kriminalisierung (z.B. Verdacht, Menschen mit aktiver sadomasochistischer Präferenz seien gewalttätig) und Pathologisierung (z.B. Unterstellung, Menschen mit passiver sadomasochistischer Präferenz seien selbstzerstörerisch) entgegenzuwirken. Die massenmedialen Darstellungen bieten potentiell Interessierten zwar einerseits die Möglichkeit zur Identifikation mit der nun sichtbaren Bezugsgruppe; andererseits wird durch die Popularisierung einer verzerrten und verkürzten (z.B. an Äußerlichkeiten wie Kleidung und Utensilien orientierten) Darstellung erneuter Stereotypisierung Vorschub geleistet (z.B. alle SM-Leute sind in Lack und Leder gekleidet und peitschen sich ständig gegenseitig aus). Schließlich führt die starke massenmediale Präsenz marginalisierter Sexualitäten auch zu der verbreiteten Fehlannahme, es wäre mittlerweile geradezu chic, im Lebensmodell und in der Sexualität vom Mainstream abzuweichen. Wenn wir die massenmedial inszenierte sexuelle Tabulosigkeit mit der Wirklichkeit verwechseln, laufen wir jedoch Gefahr, reale Ausgrenzung und Diskriminierung aus den Augen zu verlieren.

So sind beispielsweise Schwule und Lesben zwar in Talkshows und Soap Operas mittlerweile alltäglich, im realen Leben aber bei weitem noch nicht gleichgestellt (vgl. Dannecker, 1997). Und während Sadomasochismus, Fetischismus, Transvestitismus und andere "exotische" Varianten des Begehrens in der imaginären Welt der Massenmedien scheinbar veralltäglicht sind, gelten sie im realen Leben weiterhin viel zu oft als "krankhafte Perversionen" und lösen Berührungsängste aus. Dass die als besonders fortschrittlich geltenden "Hamburger Richtlinien für die Sexualerziehung" zwar endlich Homosexualität anerkennen, jedoch weiterhin alle anderen alternativen Begehrensformen und Lebensweisen – entgegen der Definition des DSM IV (American Psychiatric Association, 1997) – pauschal als falsche Sexualität abklassifizieren (Amt für Schule Hamburg, 1994) , dass in England drei Menschen wegen einvernehmlicher SM-Aktivitäten Gefängnisstrafen abbüßen müssen und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Urteile bestätigt hat (European Court of Human Rights, 1997), dass ein Großteil der SM-Literatur wegen angeblicher Gewaltverherrlichung gemäß § 184,3 StGB in Deutschland verboten ist, dass in vielen Berufen und auch in Sorgerechtsfragen oder bei Adoptionsgesuchen bis heute eine vom Mainstream abweichende sexuelle Lebensweise zur Disqualifikation führt – derart massive Diskriminierung wird auch in Fachkreisen nur selten diskutiert. Wenn geklagt wird, mittlerweile müsste man sich angesichts überbordender Tabulosigkeit ja schon fast schämen oder rechtfertigen, einfach nur "ganz normalen Sex" zu haben und in einer konventionellen Zweierbeziehung zu leben, ist das als emotionaler Ausdruck individueller Verunsicherung gut verständlich. Sexualpolitisch enthüllen solche Äußerungen jedoch nicht unbeträchtliche Ignoranz gegenüber der vorherrschenden sexuellen Normierung, die viele Menschen mehr oder minder subtil zu "Andersartigen" macht und dadurch nicht selten in eine verzweiflungsvolle und gefährliche Isolation treibt.

Für Angehörige marginalisierter Gruppen ist vor diesem Hintergrund eine Vernetzung oft geradezu existentiell. Sie benötigen Informationen und Unterstützung, positive Identifikationsmöglichkeiten und emotionalen Rückhalt, um zu ihren gesellschaftlich abgewerteten Selbst-Aspekten zu stehen und diese auch selbstbewusst und stolz nach außen vertreten zu können. Das Verleugnen und Verheimlichen der eigenen sexuellen Vorlieben und Lebensgewohnheiten aufzugeben, ist ein biografischer Einschnitt für das Individuum und gleichzeitig ein politischer Akt, der gesellschaftlicher Ausgrenzung entgegenwirken soll (Coming-Out). Plattformen für entsprechendes soziales Handeln sind im Netz zunächst einmal Newsgroups wie z.B. <soc.woman.lesbian-and-bi> oder <soc.subculture.bondage-bdsm> (BDSM = Bondage/Discipline, Dominance/submission, Sadism/Masochism). Die Queer-Community, die alle zum Mainstream "querliegenden" Sexualitäten vereint, präsentiert im WWW ein umfangreiches Archiv einschlägiger Mailinglisten – allerdings sind auch hier wieder Englischkenntnisse gefragt. Um die Chat-Channels sexueller Spezialkulturen bilden sich häufig enge Kontaktnetze, die durch Mailinglisten, private Emails, Parties, regionale Stammtische und entsprechende WWW-Informationen verstärkt werden (z.B. so gibt es rund um den Chat-Channel #bdsm.de: http://bdsm-de.home.pages.de eine Reihe von Kontaktmöglichkeiten etwa in und um Karlsruhe: http://www.mela.de/bdsm-ka/ und in Berlin: http://www.bdsm-berlin.de). Marginalisierte sexualbezogene Netzforen haben den Vorzug, dass Neulinge sich für andere wahrnehmbar aktiv beteiligen, Gleichgesinnte kennenlernen und somit zunächst im geschützten Netzkontext Erfahrungen mit dem Coming-Out-Prozess sammeln können. Diese Erfahrungen verbessern die Selbstakzeptanz und ermutigen nicht selten auch zum Coming-Out außerhalb des Netzes (s. McKenna & Bargh, 1998). Zusätzlich zu den etablierten Foren bilden sich zunehmend ergänzende Angebote, die den Szene-Einstieg durch Information und Mentoring (z.B. Frauen-SM-Projekt Lifeguard: http://www.mela.de/Frauen/) erleichern sollen. Hier zeigt sich jedoch, dass der Betreuungsaufwand für die ehrenamtlich Mitwirkenden teilweise recht hoch ist, weshalb etwa der präsenzpflichtige Beratungs-Chat #BDSM.info zugunsten einer asynchronen Email-Beratung eingestellt wurde.

Ein weiterer wichtiger Vorteil von Netzforen besteht darin, dass sie die Beteiligten einladen, auch ihre Sorgen und Nöte freimütig zu offenbaren, während sie in der breiten Öffentlichkeit allenfalls dann mit Toleranz rechnen dürfen, wenn sie ihr Begehren als allgemein nachvollziehbar darstellen. Eine solche bedingte Toleranz (z.B. "SM sollte nicht stigmatisiert werden, weil es sich doch letztlich nur um harmlose Spielchen handelt"; "Homosexuelle sollten nicht diskriminiert werden, weil sie doch im Grunde genau wie Heterosexuelle leben und lieben") ist als Pseudo-Toleranz zu charakterisieren. Denn sie bezieht sich nicht auf die komplexen Lebenswirklichkeiten der Beteiligten, sondern nur auf eine akzeptanzwerbende Selbstdarstellung, die mehr oder minder weitreichende Selbstverleugnung verlangt (vgl. hierzu Baumeister & Schütz, 1997, sowie die Diskussion zwischen Döring, 1997b, und Schütz & Baumeister, 1997). Erst wenn im Zusammenhang mit stigmatisierten Sexualitäten und Lebensweisen auch Scham- und Schuldgefühle, Einsamkeit, psychische Krisen, soziale Konflikte, Beziehungsprobleme, Grenzverletzungen und Selbstzweifel angesprochen werden können, ohne dass dies zu einem Rückfall in die bekannten Ressentiments führt, findet echte De-Marginalisierung statt. In dieser Hinsicht haben Netzforen oft eine Vorreiterrolle. In ihnen ist dank heterogener Mitgliederkreise zudem die Tendenz sexueller Spezialkulturen, Außenseiter innerhalb der Szenen zu schaffen, deutlich reduziert.

Selbstverständlich drehen sich Queer-Netzforen aber nicht pausenlos nur um Probleme, sondern haben im Unterschied zu den sexualbezogenen Selbsthilfegruppen auch ganz andere Ziele: Künstlerische Beiträge und Kontaktanzeigen werden verbreitet, gemeinsame Freizeitinteressen verfolgt und berufliche Netzwerke geknüpft, politische Aktionen geplant, Witze gerissen und spirituelle Erfahrungen diskutiert. Die Möglichkeit, sexuelle Kontakte und Beziehungen einzugehen, ist hier von besonderer Bedeutung. Wer für stigmatisierte Aktivitäten die eigene häusliche Umgebung nicht verlässt und sich ggf. unter einem Pseudonym an sexuellen Kontaktforen beteiligt, muß nicht mit Diskriminierung, Ablehnung oder Klatsch im eigenen sozialen Umfeld rechnen. Zudem kann man sich im Netz solchen Sexualpraktiken zuwenden kann, die außerhalb des Netzes stets besondere Übung oder Vorsicht erfordern. Netsex kann die optimale Form der Befriedigung marginalisierter bzw. ausgefallener Sexualwünsche sein, er kann aber auch im Sinne von Probehandeln den behutsamen und verantwortungsvollen Übergang zu Erfahrungen außerhalb des Netzes unterstützen, sofern dies gewünscht wird.

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3     Ausblick

Wir leben in einer Kultur, die uns einerseits mit sexuellen Symbolen umstellt, andererseits aber ein aufrichtiges Sprechen über individuelle Erfahrungen mit Erotik und Sexualität weitgehend verbietet und normativ festlegt, was richtiges Begehren ist. Unter diesen Bedingungen wird es von vielen Menschen regelrecht heilsam empfunden, netzvermittelt an einem Sexualdiskurs teilhaben zu können, der persönliche und detaillierte Äußerungen schätzt und respektiert, unterschiedliche Perspektiven und sexuelle Orientierungen nebeneinander bestehen läßt, Denkanstöße und lebenspraktische Ratschläge vermittelt, zwischenmenschliche Kontakte und Beziehungen stiftet, ja sogar ergreifende Momente der Solidarisierung schenkt. Ob man diesen Diskurs nur sporadisch lesend mitverfolgt oder sich sehr engagiert mit eigenen Beiträgen beteiligt, ob man einfach ein allgemeines Interesse am Austausch über Sexualität mitbringt oder ein ganz konkretes Anliegen hat – die reflektierte und selektive Nutzung von Online-Angeboten kann dazu beitragen, das quälende Gefühl des Isoliertseins im Verlangen oder Nicht-Verlangen zu überwinden und (auch außerhalb des Netzes) sicherer und mutiger zu werden, wenn es darum geht, der eigenen Sehnsucht zu folgen. Ein solcher Entwicklungsprozess beugt nicht nur eigenen sexuellen Störungen vor, sondern schützt auch diejenigen, die durch unser sexualbezogenes Verhalten beeinflußt werden – an erster Stelle unsere Kinder.

Wer unter gravierenden sexuellen Schwierigkeiten leidet, wird ergänzend zu den Informations-, Beratungs-, Diskussions- und Erfahrungsangeboten im Netz sinnvollerweise professionelle Hilfe außerhalb des Netzes in Anspruch nehmen. Es geht also nicht um eine Konkurrenz zwischen beiden Bereichen. Wünschenswert ist vielmehr, dass Therapie- und Beratungseinrichtungen die Netzaktivitäten ihrer Klientel fördern und begleiten, etwa in dem Sinne, dass Netzneulinge auf sexualbezogene Hilfsangebote im Netz aufmerksam gemacht und Netzaktive darin unterstützt werden, ihre möglicherweise auch belastenden oder zwiespältigen Erlebnisse (z.B. im Zusammenhang mit Online-Pornografie, Online-Selbsthilfegruppen oder Online-Romanzen) aufzuarbeiten. Hierzu ist jedoch eine entsprechende Fortbildung auf Seiten der professionellen Helferinnen und Helfer notwendig. Ähnliches gilt für den Bereich der Sexualpädagogik: Wenn es uns schon so schwerfällt, in Schule und Elternhaus mit Heranwachsenden über sexuelles Begehren ins Gespräch zu kommen, so können wir sie im Rahmen der Sexualaufklärung wenigstens dazu anzuleiten, sich selbständig Unterstützung und Hilfe in sexuellen Fragen zu suchen. Das Internet wäre dabei nicht die schlechteste Anlaufstelle.

Sexuelle Kultur im Netz, die tradierte Sprechverbote und geschlechtsspezifische Rollenvorgaben teilweise überwindet, ist bedroht durch eine von Vorurteilen und Unwissenheit geprägte öffentliche Debatte, durch übertriebene bzw. fehladressierte Kontrollbestrebungen und Überwachungsmaßnahmen und auch durch eine zunehmende Kommerzialisierung und Überflutung mit Werbung. Wenn in Zukunft mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten und die bislang entwickelten sexualbezogenen Netzangebote von interessierten Laien und Fachleuten bewahrt und weiter ausgebaut werden, dann können aus dem Netzkontext heraus möglicherweise fruchtbare Impulse kommen für einen gesamtgesellschaftlichen Verständigungsprozess, der die Bedeutsamkeit, Individualität und Vielfalt unserer Sexualitäten würdigt, der unsere Verzweiflung ernstnimmt, aber auch unsere Hoffnungen.

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5    Fußnoten

*1

Viele von uns sind seit Jahren im Netz aktiv, haben auch schon zahlreiche sexual-bezogene Web-Sites oder Newsgroups gesehen und sind trotzdem noch nie auf Kinderpornografie gestoßen. Sollte dies aber einmal zufällig der Fall sein, kann man wirkungsvoll reagieren - zum Beispiel im Rahmen der Initiative Netz gegen Kinderporno (http://www.heise.de/ct/Netz_gegen_Kinderporno/default.shtml; siehe auch Luckhardt, 1998). Bitte beachten Sie, dass Sie sich strafbar machen, sobald  Sie aktiv und zielgerichtet  nach Kinderpornografie im Netz suchen, diese anfordern oder abrufen - und zwar auch dann, wenn Ihre Recherche das Ziel hat, Missstände aufzuzeigen und bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Eine Linksammlung mit Initiativen gegen Kinderpornografie im Netz (z.B. Meldestellen) wird vom Deutschen Multimedia Verband (dmmv) angeboten: http://www.dmmv.de/jumps/linksammlung98_11.htm.

 

*2

Im August 1998 wurde man ohne Vorwarnung auf eine Porno-Seite geleitet, wenn man sich bei der Eingabe der Netzadressen der Firma Microsoft (http://www.micosoft.com/ statt http://www.microsoft.com/), der Suchmaschine Yahoo! (http://www.xahoo.com statt http://www.yahoo.com/), der Suchmaschine Hotbot (http://www.jotbot.com statt http://www.hotbot.com/ oder des frauenspezifischen Such-Verzeichnisses WWWomen (http://wwwwomen.com statt http://wwwomen.com ) vertippte [Diesen Hinweis verdanke ich Jörg Zumbach, mündliche Mitteilung vom 6. August 1998]. Interessanterweise sind alle vier genannten Porno-Angebote mittlerweile wieder aus dem Netz verschwunden (Stand: 24.3.1999).

 

*3

21.9.98: Mittlerweile gibt es ein Update von http://www.andrologie.de/ mit vielen interessanten Hintergrund-Informationen zum Dienst und zur Person des Beraters!

Heribert Schorn teilte mir per Email mit, dass kostenlose Internet-Beratungs-Angebote von Profis in der Medizin (und ggf. auch in der Psychologie) mit der Berufsordnung kollidieren könnnen, wenn sie als Werbemaßnahmen interpretiert werden. Die äußerst sparsamen Informationen zur Person in der früheren Variante der Web-Site waren insofern auch als Schutzmaßnahme gedacht.

 

 *4

Am 10.9.98  und erneut am 20.9.98 habe ich Baumstark-Online angemailt (Email-Adressen: info@baumstark-online.de und kl_baum@baumstark-online.de ). Ich habe auf die Erwähnung des Dienstes in diesem Text hingewiesen, Interesse an den bisherigen Erfahrungen des Baumstark-Online-Teams bekundet und um Rückmeldung gebeten. Bis heute (28.9.98) erfolgte keinerlei Reaktion, was mich skeptisch stimmt. Über die Hintergründe des Nicht-Antwortens lässt sich freilich nur spekulieren.

Am 21.10.98 erhielt ich nun Antwort von Baumstark-Online. Offensichtlich haben organisatorische Pannen die Antwort-Verzögerung bedingt.

 

*5

Die früher im Text vorkommende "Arbeitsgemeinschaft Sadomasochismus und Oeffentlichkeit" (www.agsmoeff.org) hat sich wohl aufgeloest. Die Webseiten gehoeren inzwischen einem kommerziellen Pornoprovider. (13.6.2000)

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4    Literatur

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Erste Fassung: 7-8-98

Nicola Döring