[Homepage Nicola Döring]

 

Gruppenspezifische Normen in virtuellen Gruppen.

Nicola Döring

Vortrag im Kolloquium des Instituts für Psychologie der Universität Bern  (17. Juni 1999)


Welche Rolle spielen soziale Normen, wenn Menschen sich computervermittelt zu Gruppen zusammenschließen? Führen physische Distanz und Anonymität zu weitgehenden Norm-Verlusten bei der Netzkommunikation? Oder fördert die Netzkultur nicht gerade die Orientierung an hochgeschätzten sozialen Normen wie Egalität, Hilfsbereitschaft und Offenheit? Der Vortrag erläutert, warum Fragen der sozialen Normierung im Netz nicht pauschal, sondern nur auf der Ebene der virtuellen Gruppen zu beantworten sind. Analysiert wurden n=12 deutschsprachige Chat-Channels im IRCnet, die jeweils einer virtuellen Gruppe als Territorium dienen. Entgegen der Anomie-These zeigten die untersuchten Gruppen erhebliches Engagement bei der Formulierung und Durchsetzung von Verhaltensregeln. Personen sind als Gäste auf Chat-Channels und erst recht als Mitglieder der dort ansässigen virtuellen Gruppen in vielfältiger Weise sozial und technisch sanktionierbar. Entgegen der Gemeinschafts-These läuft soziale Normierung im Netz jedoch keinesfalls automatisch auf ein besonders harmonisches und freundliches Zusammensein hinaus. Virtuelle Gruppen sind hierarchisch strukturiert und Personen, die Netzämter innehaben (z.B. Channel-Operators oder Bot-Masters), nutzen ihre Macht nicht nur, um Verletzungen der Gruppennormen zu unterbinden, sondern zuweilen auch, um ihre eigene Agenda durchzusetzen.


Literatur:
Döring, N. & Schestag, A. (2000). Soziale Normen in virtuellen Gruppen. Eine empirische Analyse ausgewählter Chat-Channels. In U. Thiedeke (Hrsg.), Virtuelle Gruppen. Opladen: Westdeutscher Verlag.