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Vom solitären Tagebuchschreiben zur Online Journaling Community:
Das Wunder einer netzbasierten Gemeinschaftsbildung von Einzelgängern

 

© 2000 Nicola Döring

Vortrag auf der Interfiction 2000:
interfictions@home: daheim im netzwerk
utopien und realitäten virtueller gemeinschaften
(16.-18. November 2000 in Kassel)
im Rahmen des 17. Kasseler Dokumentar- und Videofests


 

Da sitzen sie, die Tagebuchschreiberinnen und –schreiber in der Stille und Einsamkeit ihrer Schlaf- oder Wohnzimmer und bringen zu Papier, was sie bewegt. Danach wird das Tagebuch weggelegt, versteckt, verschlossen. Niemanden geht das etwas an. Kaum eine Tätigkeit, die so solitär – wenn nicht solipsistisch – geartet ist wie gerade das Tagebuchschreiben.

Doch dann kam das Internet in die Haushalte.

Und kaum war das WWW verfügbar, wurde 1995 auch schon das erste Tagebuch ins Web gestellt. Das ist lange her. Heute führen bereits Zehntausende von Jugendlichen und Erwachsenen Online-Tagebücher. Tendenz steigend. Dabei scheint doch eigentlich nichts paradoxer, als ausgerechnet das private Tagebuch im Netz einem Millionenpublikum zu präsentieren. Kulturpessimisten sehen Exhibitionismus, Größenwahn, Vereinsamung und Rachegelüste als Hauptmotive. Kulturoptimisten dagegen loben Persönlichkeitsausdruck, Selbsttherapie, Talentförderung und Gemeinschaftsbildung.

Tatsächlich geht es beim Online Diary nicht einfach darum, sich vor einem mehr oder minder großen Publikum zu produzieren, sondern in Kontakt zu kommen mit interessierten Leserinnen und Lesern, die oftmals selbst Tagebuch führen. Eine Online Journaling Community hat sich entwickelt mit eigenen Webrings, Mailinglisten, elektronischen Zeitschriften, Stammtischen, Parties, Gemeinschaftsarbeiten, Wettbewerben und Konferenzen.

Der Vortrag beschreibt und analysiert diese überraschende Gemeinschaftsbildung von "Einzelgängern" aus sozialpsychologischer Perspektive.

 


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